Casa de Pilatos

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Der Pilatus-Palast in Sevilla

Ein Beispiel hispano-islamischer Palastarchitektur des XVI. Jahrhunderts

In der Fachliteratur wird der Pilatus-Palast dem Mudéjar-Stil zugeordnet. Schon 1882 schrieb Guichot y Parody in seinem "El Cicerone del viajero en Sevilla", einer Beschreibung der wichtigsten Baudenkmäler Sevillas:"...la Casa de Pilatos es de arte mudéjar." Als Vorbild, so fährt er fort, soll der von Peter dem Grausamen in der Mitte des 14. Jahrhunderts erbaute Alcázar von Sevilla gedient haben. Bevan berichtet, dass die Mudéjar-Paläste in Sevilla noch bis ins XVI. Jahrhundert in Mode waren und nennt den Pilatus-Palast ein bemerkenswertes Beispiel.

Um eventuelle Unklarheiten a priori auszuräumen, sei daran erinnert, daß der kunsthistorische Terminus «Mudéjar» 1859 von dem spanischen Kunsthistoriker Amador de los Ríos ins Leben gerufen wurde und den hispano-islamischen Bau- und Dekorationsstil bezeichnet, der in den von den Christen zurückeroberten Gebieten von den Mudejaren weiter fortgeführt wurde. Das hispanisierte Wort «mudéjar» wird von dem arabischen «mudağğan» abgeleitet und bedeutet: Jener, dem man erlaubt hat, zu bleiben. Bei den Mudejaren handelt es sich also vornehmlich um die arabischen und maurischen Baumeister und Handwerker, die in den von den Christen zurückeroberten Gebieten von Al-Andalus bleiben und dort ihr Handwerk weiterhin ausüben durften. Namhafte Bauherren waren jetzt neben den jeweiligen spanischen Herrscherhäusern vor allem der christliche Adel und das von den Christen zunächst noch geduldete und in den «Juderías» lebende jüdische Besitzbürgertum. Von jüdischer Bautätigkeit im wiedereroberten Spanien zeugen auch heute noch vier gut erhaltene Synagogen im Mudéjar-Stil, von denen es einst einige hundert in den zahlreichen Judenvierteln der spanischen Städte gegeben haben soll.

Der Pilatus-Palast, der heute zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Sevillas gehört, befindet sich direkt im Stadtkern von Sevilla, ganz in der Nähe des ehemaligen Judenviertels, des heutigen Barrio Santa Cruz, und zählt zur Pfarrgemeinde Sankt Stephan. Die Baugeschichte des Palastes beginnt gegen Ende des 15. Jahrhunderts und verlief in mehreren Phasen. Zunächst gibt es einen Kaufvertrag vom 27. September 1483 über ein größeres Anwesen mit "seinen Vorratsräumen, Höfen, Gärten, einer Bäckerei und fließendem Quellwasser", welches an die Calle Real, die spätere Calle Imperial, grenzte. Das bebaute Grundstück hatte zuvor einem gewissen Pedro Ejecutor gehört, der das Amt eines «Jurado», eines Vertreters der Pfarrgemeinde im Stadtrat, innehatte Dieser war von der Inquisition wegen häretischer Ruchlosigkeit verurteilt, sein gesamter Besitz konfisziert und vom Schatzmeister dieser Institution an Don Pedro Enriquez und seine Gemahlin, Doña Catalina de Ribera, verkauft worden. Bis dahin hatte das Geschlecht der Riberas in einem bescheidenen, vermutlich arabischen Wohnpalast in der Pfarrei von San Marcos gelebt, den Heinrich II. von Trastámara 1371 Don Per Afán de Ribera I. (1318 - 1423) wegen seiner Treue zum Königshaus und seiner Verdienste im Kampf gegen die Mauren während der Reconquista geschenkt hatte. Der hohe Kaufpreis des neuen Anwesens von 320.000 Maravedís ist darauf zurückzuführen, daß das Grundstück an die «Caños de Carmona» angeschlossen war, einem Aquädukt, der frisches Wasser von einer 17,2 km weit entfernten Quelle in der Nähe von Alcalá de Guadaira nach Sevilla leitete. Die Wasserleitung existierte bereits zur Zeit der Römer, wurde jedoch von den Arabern neu entdeckt und 1172 von den Almohaden für die Versorgung Sevillas mit Frischwasser wieder in Betrieb genommen. Im Mittelalter war sie Eigentum der Krone, die nur ganz wenige Konzessionen an den Klerus und wenige adelige Familien vergab: Neben dem Alcázar waren nur die Kathedrale, die Stiftskirche El Salvador, die Klöster San Francisco, San Augustín und La Trinidad, sowie die Paläste des Herzogs von Medina Sidonia und der Pilatus-Palast an die «Caños de Carmona» angeschlossen. Nun zeigte sich schon bald, daß der ursprüngliche Wohnbereich, den man von Pedro Ejecutor erworben hatte, für die Familie Enriquez de Ribera nicht mehr ausreichte. Und so wurden nach und nach die angrenzenden Häuser und Grundstücke aufgekauft, bis man 1530 schließlich ein Areal besaß, das von der Pfarrkirche Sankt Stephan im Osten bis zum Kloster San Leandro im Westen reichte und im Norden an die Calle Real, die spätere Imperial, und im Süden an die Calle San Esteban und Caballeriza grenzte. Zu dem ältesten Baubestand, der noch auf die Zeit von Don Pedro Enriquez († 1492) und Doña Catalina de Ribera († 1505) zurückgeht, soll vor allem die Palastkapelle gehören.

Die zweite und wohl wichtigste Bauphase erfuhr der Palast unter Don Fadrique Enriquez de Ribera (1476 - 1539). Wegen seines hohen Ansehens, welches er in Sevilla genoß, und wegen seiner umsichtigen Amtsführung als Adelantado Mayor de Andalucia hatte ihm Ferdinand II. 1514 im Namen der Königin noch den Titel «Marqués de Tarifa» verliehen. Am 24. Oktober 1518 begann Fadrique eine Wallfahrt zu den hl. Stätten Palästinas. Die Reise führte ihn zunächst über Südfrankreich nach Italien, wo er auch Genua, Mailand, Venedig, Siena, Florenz, Rom und Neapel, kennenlernte. In Rom wurde er von Papst Leo X. (1513 - 1521), der aus dem Hause der Medici stammte, empfangen. Am 26. Juli 1519 traf er in Haifa ein und betrat am 4. August Jerusalem, Ziel und Erfüllung seiner Pilgerfahrt. In Italien hatte Fadrique die italienische Renaissance kennen gelernt, und als ihn sein Weg auf der Rückreise wieder über Genua führte, bestellte er dort in der Werkstatt von Antonio Maria Aprile aus Carona zwei monumentale Grabmäler für seine Eltern. 1528 gab er weitere Grabmäler für verschiedene Vorfahren in Auftrag, die dann später auch im Pantheon der Familie, im sevillanischen Karthäuserkloster Santa Maria de las Cuevas, über das die Familie Enriquez de Ribera Schutzherren waren, aufgestellt wurden. In diesen Jahren muß er den Entschluß gefaßt haben, auch beim Umbau seines Wohnpalastes in Sevilla italienische Dekorelemente zu verwenden. 1529 gab er deshalb bei Antonio Maria Aprile folgende Marmorelemente für seinen Wohnpalast in Auftrag: ein komplettes Marmorportal in Form eines römischen Triumphbogens, zweiunddreißig Säulen mit Kapitellen und zwei Springbrunnen mit oktagonalen Becken für den Patio, den Haupthof, und den großen Garten. Fadrique, der 1539 starb, widmete sich in den letzten Jahren seines Lebens hauptsächlich dem Umbau seines Wohnpalastes. Hiervon zeugen die vielen Bauverträge, die vor allem zwischen 1534 und 1539 mit Bauhandwerkern, Zimmerleuten, Malern und Glasern, abgeschlossen wurden. 1533 wurde das Marmorportal von italienischen Baumeistern dem Haupteingang vorgeblendet, und im selben Jahr wurde vermutlich auch mit der Umgestaltung des Haupthofs begonnen. Von einigen kleinen Änderungen abgesehen, blieb der Haupt- und Repräsentationshof bis heute so erhalten, wie er im 16. Jahrhundert konzipiert und fertig gestellt wurde.

Weil Fadrique keine eigenen Nachkommen hatte, fiel der Majoratsbesitz 1539 an seinen Neffen, Don Per Afán Enriquez de Ribera III., Adelantado Mayor de Andalucia, II. Marqués de Tarifa und VI. Conde de los Molares (1509 - 1572), dem Philipp II. 1558 zusätzlich noch den Titel Duque de Alcalá de los Gazules verlieh. Per Afán ließ die Arbeiten, die Fadrique vor seinem Tod nicht mehr zu Ende führen konnte, von Melchor de Villafranca, dem damaligen Majordomus, abschließen. Größere Bauvorhaben wurden danach vermutlich nicht mehr am Palast vorgenommen, denn es gibt keinerlei Dokumente, die solche Baumaßnahmen bestätigen. Der Pilatus-Palast verdankt jedoch Per Afán die vielen römischen Statuen, Büsten und Marmorreliefs, die er während seiner Amtszeit als spanischer Vizekönig von Neapel in der Zeit von 1559 bis 1572 in Italien gesammelt und nach Sevilla hatte verschiffen lassen, darunter eine komplette Sammlung des Neapolitaners Adrian Spadafora und mehrere Marmorskulpturen, die ihm Papst Pius V. geschenkt hatte. Unter all diesen Skulpturen befanden sich auch die 24 Büsten römischer Kaiser und anderer Persönlichkeiten, die in den unteren Arkadengängen über den Azulejo-Sockeln angebracht wurden. Für die Aufstellung weiterer Skulpturen ließ der Architekt Benvenuto Tortello, den Per Afán als sogenannten Maestro Mayor, als Hauptbaumeister, speziell für diese Tätigkeit von Neapel nach Sevilla hatte kommen lassen, im Bereich des alten Gartens, dem heutigen «Jardín Grande», Loggien einrichten. Als Per Afán 1572 starb, waren die drei wichtigsten Phasen der Baugeschichte des Pilatus-Palastes abgeschlossen.

Danach folgten nur noch Umbauten und Verschönerungsarbeiten, zumeist im Wohnbereich des oberen Stockwerks. Dann verfiel der Palast in einen Dornröschenschlaf. Erst ein Urenkel von Per Afán, Don Fernando Enriquez de Ribera III. (1583 - 1637), begann wieder mit neuen Bauaktivitäten. Er verkaufte den Familienpalast in der Pfarrei von Santa Marina, bevor er in den Pilatus-Palast einzog, wo er neue Räume für die Dienerschaft herrichten ließ, zu der auch Ärzte, Astrologen und Musiker gehörten. Die Umbauarbeiten wurden von dem sevillaner Architekten Juan de Oviedo vornehmlich im südlichen Wohnbereich des Palastes vorgenommen. Hier wurde der sogenannte «Wohnbereich der Frauen», ein Trakt für die Dienstboten, eingerichtet, über den «Caballerizas», den Stallungen, die Bibliothek und der Waffenraum. Fernando, der von 1618 bis zu seinem Tod sehr bedeutende öffentliche Ämter bekleidete, starb am 28. März 1637 während einer diplomatischen Mission in Villach, Kärnten. Da er keinen männlichen Erben hatte, ging der gesamte Familienbesitz an seine Tochter Doña Maria Enriquez de Ribera über. Als diese aber schon zwei Jahre später starb, erbte eine Kusine, Doña Ana Maria Luisa Enriquez de Ribera y Portocarrero, den gesamten Besitz. Nach ihrer Vermählung mit Don Antonio Juan Luis de la Cerda, dem VII. Duque de Medinaceli, wurden alle Titel und Ehrenämter der Familie Enriquez de Ribera auf die «Real Casa Ducal de Medinaceli» übertragen.

Die Herzöge von Medinaceli siedelten schon bald nach Madrid über und bezogen dort einen Palast, den sie an der Ecke des Paseo del Prado mit der Carrera de San Jerónimo besaßen. Die bedeutendsten Kunstwerke nahmen sie nach Madrid mit. Im Pilatus-Palast wurden nur noch wenige Räume für Dienstboten und die Verwaltung aufrechterhalten. Von diesem Zeitpunkt an war der Pilatus-Palast dem Verfall preisgegeben. Erst im 19. Jahrhundert, im Zuge der neoromantischen Wiederentdeckung Andalusiens, erwachte erneut das Interesse für den Palast. Und so begannen die Herzöge von Medinaceli in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts allmählich mit den Restaurierungsarbeiten. Erst nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) ließen sie sich wieder im Pilatus-Palast nieder. Seitdem bewohnen sie die Räume, die Don Fernando Enriquez de Ribera III. über den Stallungen hatte herrichten lassen. Diese waren durch das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 schwer beschädigt und mußten für diesen Zweck erst wieder instandgesetzt werden. Inzwischen wurden sämtliche Restaurierungsarbeiten am Palast abgeschlossen, und die weitläufigen Repräsentationsräume werden gelegentlich für kulturelle Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und Konferenzen, zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde der Palast vor einigen Jahren für das Publikum geöffnet und kann seitdem besichtigt werden.

Was nun die eigentliche Konzeption und Bauausführung des Pilatus-Palastes anbetrifft, so läßt schon eine flüchtige Betrachtung der vorhandenen Grund- und Aufrisse deutlich erkennen, daß dem gesamten Baukomplex keine einheitliche oder streng organisierte Bauordnung zugrunde liegt (Abb. 1, 2). Dies ist darauf zurückzuführen, daß es sich bei der ursprünglichen Bebauung um ein rein arabisches Wohnareal handelte, dem nach und nach weitere angrenzende Gebäudeeinheiten und Grundstücke durch Zukauf einverleibt wurden. Die bis heute relevanten Um- und Ausbauten des gesamten Palastbereichs erfolgten etwa ab 1520, nachdem Don Fadrique mit neuen Bauvorstellungen von seiner Pilgerreise in das Heilige Land nach Sevilla zurückgekehrt war. So wurde 1533 das im Stil eines römischen Triumphbogens aus Italien importierte Eingangsportal in die hohe, aus gebrannten Ziegeln bestehende Außenmauer, die noch aus islamischer Zeit stammte, eingebaut und die gesamte Eingangsfassade von einer spätgotischen Maßwerkbalustrade bekrönt (Foto 1).

Das nach römischem Vorbild gefertigte Portal verfügt über eine dreiteilige Pilastergliederung mit Komposit- bzw. Bildkapitellen, von denen das linke zwischen beiden Voluten einen Adler, das rechte einen Fruchtkorb aufweist, eine deutliche Anspielung auf die hohe gesellschaftliche Stellung der Palastbesitzer und deren Prosperität (Foto 2). In den Zwickeln des Portalbogens zwei Medallons mit den Reliefs römischer Kaiserbüsten, laut Gonzalez Moreno eine allegorische Darstellung der beiden aus Itálica stammenden römischen Kaiser Trajan und Hadrian, ein weiterer Verweis auf den hohen gesellschaftlichen Rang der Familie Enriquez de Ribera. Im Scheitelpunkt des Portalbogens ein markanter Schlußstein, der den Bogen mit dem Gebälk wie eine Agraffe, hier in der Form einer Urne, zusammenhält. Die Attika wird von den Wappen der Familie Ribera flankiert und enthält eine Widmungstafel mit der Bitte um göttlichen Schutz, einer Würdigung der Erbauer des Palastes, Don Pedro Enriquez und Doña Catalina de Ribera, und schließlich noch die namentliche Erwähnung und Verewigung des Auftraggebers, Don Fadrique Enriquez de Ribera. Auf der Stirnseite der drei rechteckigen Dekorfelder, die direkt über der Attika mit den gotischen Maßwerkfeldern alternieren, ist jeweils die Inschrift «4 DIAS DE AGOSTO DE 1519 ENTRO EN IHERVSALEN» über einem Jerusalem-Kreuz eingemeißelt, eine rühmliche Erwähnung der glorreichen Pilgerfahrt des Palastherrn nach Jerusalem. So bezeichnet Lleo Cañal das neue und repräsentative Eingangsportal als eine "architecture parlante", die nach außen hin auf den hohen sozialen und wirtschaftlichen Stand der Palastbesitzer verweisen soll. Die zweigeschossige Südfassade ließ Don Fadrique nach italienischem Vorbild umbauen, indem er das obere Geschoß mittels einer Loggia, einer von fünf Säulen getragenen Bogenhalle, zum Platz hin öffnete, damit die ganze Familie von der Loggia aus an Festivitäten teilnehmen und Stierkämpfe und andere Reiterspiele verfolgen konnte, die gelegentlich auf der Plaza de Pilatos abgehalten wurden.

Das Kernstück des Pilatus-Palastes bildet jedoch der Haupt- und Repräsentationshof mit seiner zweigeschossigen Innenhofgalerie, den man über den Apeadero, den Kutschenhof, erreicht (Foto 3). Er ist das Prunkstück des gesamten Wohnpalastes und beeindruckt durch seine großen Ausmaße, seine ästhetische architektonische Gestaltung und prachtvolle mudejare Ornamentierung. Der im Grundriß quadratisch anmutende Innenhof von etwa 25 m Breite und 24 m Länge ist bis auf die Südseite zweigeschossig konzipiert, in beiden Geschossen mit Arkaden versehen, und erinnert vor allem an den «Patio de las Doncellas» im Palast Peters des Grausamen. Es fällt sogleich ins Auge, daß die reich mit Stuck verzierten Arkadenbögen, die auf dünnen Säulen und wuchtigen Kämpferblöcken ruhen, unterschiedliche Weiten haben und in keiner Weise «die Regeln der Eurythmie» beachten. Während einige Joche eine lichte Weite von 3,50 m aufweisen, haben andere hingegen eine Jochbreite von lediglich 2,37 m, was zur Folge hat, daß die zumeist flach verlaufenden Korbbögen des Obergeschosses und die Hufeisenbögen im Untergeschoß im Radius zum Teil stark voneinander abweichen. Im Untergeschoß ruhen die Arkaden auf insgesamt 24 Säulen. Gestoso y Pérez vermutet, daß es sich bei sechs Säulen an der Ostseite des Haupthofes noch um jene handelt, von denen Don Fadrique Enriquez de Ribera im Jahre 1529 insgesamt zweiunddreißig Stück aus Italien kommen ließ. Diese wurden von Antonio Maria Aprile in Genua "a la manera de España" angefertigt und tragen vereinfachte korinthische Kapitelle mit stark abstrahierten Akanthus-Blättern (Foto 4). Alle anderen Säulen des unteren Arkadengeschosses werden von Kelchkapitellen bekrönt. Sämtliche Bögen sind mit einer Alfiz-Rahmung versehen, die Bogenfelder mit feingliedrigen vegetabilen und geometrischen Stuckornamenten im Alhambra-Stil verziert. Die Alfiz-Rahmung besteht jeweils aus einem arabischen Inschriftenfries mit Aussprüchen zum Ruhme Allahs. Das untere Geschoß wird vom oberen durch ein vorkragendes Traufgesims aus grün glasierten Ziegeln getrennt. Im Obergeschoß wurde eine spätgotische Maßwerkbalustrade eingebaut, wodurch die vertikale Gliederung der Fassade und visuelle Trennung von Ober- und Untergeschoß noch verstärkt wird. Die Säulen des oberen Geschosses liegen axial über den unteren, so daß die Jochbreiten des Ober- und Untergeschosses identisch sind. Da aber die Höhe des oberen Geschosses niedriger ist als die des unteren, fallen die Bögen im Obergeschoß insgesamt flacher aus. Im Gegensatz zu den massiven Kämpferblöcken des Untergeschosses, die reichlich mit geometrischen und vegetabilen Ornamenten versehen sind und von denen einige die Wappen der Gründerfamilien Enriquez und Ribera tragen (Foto 4), wurden die des Obergeschosses wesentlich reduziert und verfügen lediglich über einen gelben Farbanstrich. Auf ihnen lasten die Pfeiler und Zacken- bzw. Vielpaßbögen, die ein stark hervorkragendes Gebälk mit einem konvex gebogenen Satteldach tragen, deren halbrunde Dachziegel in einem spitzbogig profilierten Ziegelfries mit gotischem Maßwerk enden. Während die Alfiz-Rahmungen der oberen Bögen durch gelbe Farbstreifen noch einmal besonders hervorgehoben werden, haben die Bogenfelder mit ihren runden und zum Teil reich ornamentierten Medallions und mehrzackigen Sternen einen ockerroten Farbanstrich. Deshalb wirkt das Obergeschoß wegen seiner fröhlichen Farbgebung, seinem leichten Arkadenaufbau und seiner wesentlich reduzierteren Ornamentierung viel leichter und beschwingter als das wuchtige und massive Untergeschoß.

Eine besondere Attraktion des «Patio Principal» sind jedoch die teppichhaften Wandverkleidungen im unteren Arkadengeschoß sowie die geschmackvolle Ausstattung des Innenhofs mit erlesenen antiken Statuen und Renaissance-Skulpturen. Alle Wände der unteren Arkadengänge und der Repräsentationsräume wurden mit polychromen «Azulejos» in Cuenca-Technik gefliest. Es handelt sich um rechteckige Dekorfelder mit mudejaren, isabellinischen und Renaissance-Motiven, die zusätzlich noch von horizontal verlaufenden Bändern gerahmt werden. Besonders augenfällig ist der alternierende Rapport der Wappen der Familien Enriquez und Ribera, der in die verschiedenen Dekorfelder eingearbeitet wurde (Fotos 5, 6). Die Fliesenverkleidungen wurden 1536 von Diego und Juan Polido ausgeführt, die im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts auch für den Alcázar von Sevilla und die Alhambra von Granada arbeiteten und viele Kirchen und Profanbauten in ganz Andalusien mit ihren berühmten und begehrten Azulejos belieferten. Über den Fliesensockeln wurden in kreisförmigen Nischen vierundzwanzig Renaissance-Büsten von römischen Kaisern und anderen Persönlichkeiten (Foto 7), darunter auch die von Cicero und Karl V. auf schmalen Konsolen aufgestellt. Alle vier Wände werden von einem breiten Stuckband mit geometrischen, vegetabilen und epigraphischen Ornamentfeldern abgeschlossen. Auch die Wände der Repräsentationsräume wurden über den Fliesensockeln bis zur Decke vollständig mit Stukkaturen ausgekleidet. Besonders aufwendige Stuckrahmungen erhielten jedoch das Eingangsportal zum Haupthof sowie die Eingänge zu den verschiedenen Repräsentationsräumen und zur Palastkapelle. Über dem Eingang zum Westsaal mit dem "römischen Museum" wurden drei besonders kunstvoll gearbeitete Celosía-Fenster aus Stuck angebracht (Foto 8).

In der Mitte des Hofes befindet sich der Janus-Brunnen, den Don Fadrique zusammen mit dem Eingangsportal und den zweiunddreißig Säulen 1529 bei Antonio Maria Aprile in Genua hatte anfertigen lassen. Besondere Beachtung verdienen jedoch die römischen Skulpturen, die Don Per Afán während seiner Amtszeit als spanischer Vizekönig von Neapel in Italien gesammelt und nach Sevilla hatte verschiffen lassen. Carl Justi läßt den Baumeister Perez in dem "Dialog über die Malerei" folgendes berichten:

"Der heilige Papst Pius V. liebte die heidnischen Erinnerungen und Bildwerke nicht und wollte das heilige Rom und seinen Palast von ihnen säubern. Er entfernte die Statuen aus dem Theater des Belvedere im Vatikan [1560] und schenkte sie dem Kapitol. Sein Vorgänger Paul III. hatte bei dem Einzug des unbesiegten Kaisers Karl den Schutt um die Basis der Trajanssäule wegräumen und zweihundert Häuser des Forum Ulpianum nebst zwei Kirchlein entfernen lassen; die hierbei gefundenen Bildwerke gab Pius V. dem Neffen und Nachfolger des Erbauers dieses Hauses, dem ersten Herzog von Alcalá, Don Pedro Afan, der damals Vizekönig von Neapel war. Von ihm, einem warmen Liebhaber der Bildhauerei, sind alle diese Marmorwerke des großen Altertums hierher gebracht worden. Noch weit mehr würde hier versammelt sein, wenn nicht das Schiff, welches seine Schätze von Neapel hierherführte, von Korsaren gekapert worden wäre; diese warfen die Steine ins Meer...

Besondere Aufmerksamkeit verdienen hierunter zwei römische Repliken der Athena Medici, einer Ceres und einer Muse, die von Don Per Afán in den vier Ecken des Repräsentationshofes aufgestellt wurden. Von diesen vier Skulpturen fanden vor allem die beiden kolossalen, fast vier Meter hohen Athena-Statuen höchste wissenschaftliche Beachtung: 1956 untersuchte Ernst Langlotz vom Archäologischen Institut der Universität Bonn die beiden Statuen und schloß sich der Meinung von Paul Hermann an, daß es sich bei diesen beiden Skulpturen zweifelsohne um Repliken der Athena Medici des Louvre handele, und daß die Athena I (Foto 9), die in der Nordwestecke des Haupthofes steht, sogar den bis dahin unbekannten Kopftypus der Athena Medici bewahrt habe. Da nun die Athena-Medici in das fünfte vorchristliche Jahrhundert datiert und dem griechischen Bildhauer Phidias zugesprochen wird, war diese Feststellung für die weitere Phidias-Forschung eine sensationelle Entdeckung, zumal Amelung noch sieben weitere Repliken dieses Kopfes nachweisen konnte. Pavlina Karanastassis hat deshalb in ihren «Untersuchungen zur kaiserzeitlichen Plastik in Griechenland» das Grund-schema dieses Athena-Bildes anhand der einzigen samt Kopf erhaltenen Replik in Sevilla (Athena I) eingehend beschrieben.

Wie aus dem Grundriß des gesamten Palastkomplexes des weiteren ersichtlich ist, gruppieren sich um den zentralen Haupthof zahlreiche Wohn- und Repräsentationsräume, die jedoch islamischer Bautradition folgend keine geordnete Raumdisposition erkennen lassen (Abb. 1). Während sich die Repräsentationsräume und die Palastkapelle, die wegen ihres gotischen Gewölbes zum ältesten Baubestand des Palastkomplexes gehört, im Untergeschoß befinden, wird das Obergeschoß für private Wohnzwecke genutzt. Im Obergeschoß wurde auch die Bibliothek untergebracht. Die verschiedenen Repräsentationsräume erhielten ihre Phantasienamen, wie zum Beispiel «Saal des Prätors, Ruhesaal der Richter, Kabinett des Pilatus» etc. erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen dieses Beitrags würde es zu weit führen, eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Räume vorzunehmen. Es sei jedoch erwähnt, daß alle Repräsentationsräume über eine prachtvolle Ausstattung verfügen. So besticht beispielsweise der «Saal des Prätors» durch seine beiden schweren mudejaren und in Intarsientechnik hergestellten Holztüren im Eingangsbereich (Foto 10) und in seinem Innern durch die bis zu 4,15 m hohen polychromen Azulejo-Sockeln sowie die ausgezeichneten Stukkaturen und die kunstvoll gearbeitete mudejare Kassettendecke (Foto 11). Auch die Fensterläden zum Innenhof sowie die Tür zum Vorzimmer des «Goldenen Saals» wurden aus Zedernholz geschnitzt und mit Lacería-Ornamenten (Bandwerk) versehen, deren geometrisch verlaufende Bänder im Mittelpunkt der ornamentierten Fläche den für die islamische Kunst typischen polygonalen Stern bilden (Foto 12). Besondere Erwähnung verdienen auch die vielen mudejaren Kassettendecken, mit denen die einzelnen Räume ausgestattet wurden (Foto 13). Das große und repräsentative Treppenhaus des Palastes wurde mit einer ähnlichen Rundkuppel (cúpula de media naranja) ausgestattet, mit der auch der «Saal der Botschafter» im Palast Peters des Grausamen überwölbt wurde. Die Wohnräume im Obergeschoß sind mit offenen Dachstühlen in der Form von Artesonado-Decken versehen (Foto 14).

Zur islamischen Bautradition gehören aber auch weitläufige Gartenanlagen innerhalb des geschlossenen Palastbereichs, und so verfügt der Pilatus-Palast neben dem Kutschenhof gleich über zwei kunstvoll angelegte Gärten, den sogenannten «Jardín Chico» und den «Jardín Grande», wobei der «Große Garten» von seiner Konzeption her auch heute noch islamischen Vorstellungen entspricht. Die beiden Gartenanlagen wurden im Laufe der Zeit mehrmals umgestaltet. So ließ Don Per Afán von 1568 bis 1570 in die angrenzenden Gebäude des «Jardín Grande» Loggien einbauen, die noch heute für die Ausstellung seiner römischen Skulpturensammlung genutzt werden.

Ohne nun auf die schwierigen und umstrittenen Definitionsfragen des Mudéjarstils einzugehen, läßt sich für den Pilatus-Palast abschließend feststellen, daß es sich hier um eine gelungene Synthese verschiedener Baustile handelt: Islamische Bautraditionen wurden, wenn auch nicht in ihrer reinsten Form, mit gotischen und solchen der Renaissance auf ästhetische Weise miteinander verbunden. Auch beim Pilatus-Palast bedienten sich die mudejaren Handwerker des gesamten westislamischen Formen- und Ausstattungsrepertoirs: An Materialien wurden gebrannte Backsteine, glasierte Ziegel, Stuck und Holz für die Anfertigung von Türen in Intarsientechnik und den Bau von Kassettendecken (Alfarjes) und offenen Dachstühlen (Artesonados) verwandt. Aus dem islamischen Formenrepertoire wurden Hufeisenbögen, Ajimez- und Celosía-Fenster übernommen. Der Dekorationskanon bestand aus einer teppichhaften Verkleidung der Innenwände mit polychromen Fliesen (Alicatados oder Azulejos) und Stukkaturen (Yeserías) mit geometrischen und vegetabilen Ornamenten.

Unter den vielen Spielarten des Mudéjarstils nehmen die sevillanischen Wohnpaläste des 16. Jahrhunderts (Casa de Pilatos, Palacio de las Dueñas, Palacio de Mañara, Casa de los Pinelos, etc.) eine Sonderstellung ein und dienten dort noch lange Zeit als Vorbild für das typische andalusische Hofhaus, die sogenannte «Casa de Patio Andaluz». Insgesamt gesehen, breitete sich der Mudéjarstil im 16. Jahrhundert in der ganzen spanisch sprechenden Welt, insbesondere in den von den Spaniern eroberten Gebieten Südamerikas, aus. Daß die Rezeption des Mudéjarstils bis in die heutige Zeit reicht, davon zeugen die vielen neomudejaren Bauten des 20. Jahrhunderts, die nicht nur in Andalusien, sondern auch in anderen Provinzen Spaniens, wie beispielsweise in Toledo oder auch in Barcelona im Rahmen des Art Nouveau, des katalanischen Modernisme, anzutreffen sind.